Aus Liebe zur Technik: TÜV Thüringen prüft einen der letzten noch genutzten Paternoster des Freistaats

Sie gehören zu einer aussterbenden Art und kaum jemand kennt sie noch, denn als Zeitzeugen der industriellen Revolution sind Paternoster inzwischen fast gänzlich aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Doch es gibt sie noch: Im Innexis Pharma & Life Science Park Jena verrichtet einer der letzten noch in Betrieb befindlichen Paternoster Thüringens unermüdlich seinen Dienst. Erst kürzlich war die jährliche Prüfung an dem Personen-Umlaufaufzug, wie ein solcher Paternoster in der Fachsprache heißt, fällig. Ein Aufzugsachverständiger des TÜV Thüringen überprüfte die betagte, aber bei guter Wartung weiterhin zuverlässige Technik.

In einem 1923 für Carl Zeiss erbauten Gebäudekomplex ist heute der Innexis Pharma Life Science Park Jena beheimatet, der Labor- und Arbeitsbereiche für die Biotech-Branche anbietet. In dem denkmalgeschützten Gebäude zieht einer der letzten in Betrieb befindlichen Personenumlaufaufzüge in Thüringen beharrlich seine Kreise: Der Paternoster befördert die Beschäftigten seit über 70 Jahren von Etage zu Etage. Der im Jahr 1956 in Betrieb genommene Aufzug ist ein lebendiges Zeugnis technischer Ingenieurskunst und vermittelt ein Stück Alltag vergangener Zeiten. Während moderne Aufzugsanlagen mit nur einer geschlossenen Kabine pro Schacht unterwegs sind und die meisten seiner Artgenossen längst außer Betrieb gesetzt wurden, trotzt der Paternoster in Jena dem Wandel der Zeit.

Mit großem Engagement und fachlicher Expertise wird der Umlaufaufzug vom Betreiber liebevoll gewartet und instandgehalten. Herzstück der Anlage ist ein 5,5 KW Elektromotor, der die insgesamt 14 Kabinen wie an einer Perlenschnur gekettet unaufhörlich die fünf Etagen des Gebäudes auf und ab bewegt. Die robuste Technik ist nahezu unverwüstlich, weiß Objektleiter Benjamin Tessmann. „Hauptsache die Kettenglieder sind gut geschmiert, dann läuft die Anlage rund um die Uhr. Allerdings schonen wir den Paternoster am Wochenende und zwischen 18 und 6 Uhr, dann darf er sich ausruhen.“ Regelmäßige Prüfungen durch die Experten der Zugelassenen Überwachungsstelle des TÜV Thüringen stellen sicher, dass die historische Anlage keine sicherheitsrelevanten Mängel aufweist und weiterhin zuverlässig betrieben werden kann. Auch bei der letzten Hauptprüfung hatte der TÜV-Sachverständige keinerlei Beanstandungen.

Während die Technik eines Paternosters nahezu unverwüstlich ist, ranken sich auch einige Mythen um diese ungewöhnliche Ausprägung des Kabinenaufzugs. Was passiert, wenn man den letzten Ausstieg verpasst? Kommt man dann kopfüber auf der anderen Seite wieder herunter? Benjamin Tessmann gibt Entwarnung: „Das passiert nur im Film. Die Kabinen werden in Schleifen kreisbogenförmig, also horizontal seitwärts bewegt. Man kommt also auf den Füßen auf der anderen Seite wieder herunter,“ erklärt der technische Objektleiter.

Mit einer Novelle der Betriebssicherheitsverordnung wurden den Betreibern von Personenumlaufaufzügen zuletzt im Jahr 2015 strengere Auflagen für den Weiterbetrieb auferlegt. Die historischen Anlagen gelten als gefährlicher, weshalb auch alle Nutzer der Anlagen speziell unterwiesen werden müssen. Das macht den Betrieb von Paternostern in öffentlich zugänglichen Gebäuden nahezu unmöglich. Auch ist der Anspruch an die Barrierefreiheit bei Paternostern nicht gegeben, was einen Einsatz in Gebäuden mit Publikumsverkehr stark einschränkt. Das führte zu zahlreichen Stilllegungen von Paternoster-Aufzügen. Ihre Hochzeit hatten Paternoster vor allem im frühen 20. Jahrhundert, als sie sowohl in Verwaltungsgebäuden als auch in vielen öffentlichen Einrichtungen eingesetzt wurden. Sie ermöglichten einen schnellen Personenfluss ohne Wartezeiten und standen sinnbildlich für Fortschritt und Ingenieurskunst ihrer Zeit. Mit zunehmenden Sicherheitsanforderungen verschwanden die meisten dieser Anlagen aus dem Alltag – die wenigen erhaltenen und heute noch betriebenen Exemplare haben daher schon beinahe Kuriositäten-Charakter und ziehen immer wieder neugierige Blicke auf sich.